Dr. Lee – ein erfülltes Leben

 

 

Folgende Rede wurde am 31. Januar 2004 bei einem Gedenkgottesdienst für John Lee in der St. Clemens Dane Church, London gehalten.

Vor 10 Jahren, 1994, telefonierte ich im Rahmen eines Portfolios für Gesundheitsprodukte mit jemandem in Amerika. Im Laufe des Gespräches fragte ich: ’Was ist das eigentlich für eine Aufregung über Progesteron in Amerika?’ ’Wie, hast du noch nichts davon gehört? Ich fax dir gleich mal was zu.’

Die Faxmaschine sprang an und ein langes, langes Fax rollte sich langsam über meinen Schreibtisch. Es handelte sich dabei um den Anfang von John Lees ersten Buch ’Natural Progesterone’, welches er selbst veröffentlicht hatte. Ich erinnere mich, den Papierhaufen geschnappt zu haben und zu meinem Partner Brian ins Auto gesprungen zu sein, um zum Lunch zu fahren. Bei erster Durchsicht des Materials entfuhr mir ’Das ist ja unglaublich’ und ich las ihm die - euch sicher allen inzwischen lange bekannte - Geschichte über Druiden, Mistelzweige und Progesteron vor.

Ich machte mich sofort daran, den Autoren dieses erstaunlichen Buches aufzuspüren. ’Komm bitte nach England!’ bat ich ihn ’Dann können wir ein Seminar arrangieren und du kannst deine bahnbrechenden Ideen auch an die Briten weitergeben.’

Er kam und hielt sein erstes Seminar – beileibe nicht das letzte. Wir hatten den Tag davor mit ihm bei uns zuhause in Sussex verbracht. ’Was würdest du heute gerne unternehmen’ erinnere ich mich ihn beim Frühstück gefragt zu haben. ’Sind wir nicht in der Nähe von Battle of Hastings?’ fragte er. Wir fuhren mit ihm hin.

Sobald wir angekommen waren, übernahm er die Regie: ’Stellt euch vor, Harold kommt aus dem Norden und William diesen Weg hier von der Küste. Wie ihr sehen könnt, war William im Nachteil, denn seine Männer mussten bergauf kämpfen. Aber Harold machte einen großen Fehler. Wisst ihr welchen?’ Wir schüttelten unsere Köpfe, etwas pikiert, dass ein Amerikaner, schlimmer noch, ein Kalifornier, besser über ein hier, vor 1000 Jahren stattgefundenes, Ereignis Bescheid wusste als wir.

’Frühstück!’ sagte er ’Das war sein großer Fehler. Harold war mit seinen Männern die ganze Nacht lang William entgegenmarschiert, aber er hatte ihnen keine Pause gegönnt oder sie frühstücken lassen, bevor er sie in den Kampf schickte. Stellt euch vor, wie anders die britische Geschichte hätte verlaufen können!’

Diese Episode zeigte mir viel von John Lee. Er war ein Mann mit einem unstillbarem Interesse am Leben, und wenn er sich für ein bestimmtes Thema interessierte, drang er direkt bis zum Kern vor. So hatte er sich über den Kampf von Hastings eindeutig unterrichtet, bevor er kam.

Dieselbe Gründlichkeit zeigte John bei allen seinen Aktivitäten. Eine der bedeutendsten Momente seiner Karriere fand statt, als er einem Vortrag des Biochemikers Ray Peat über Östrogen und Progesteron an der Ortho-Molecular Medical Society in San Francisco zuhörte. John war so fasziniert, dass er Peat über eine Stunde nach dem Vortrag verhörte und sich von ihm eine Liste mit mehr als 80 wissenschaftlichen Referenzen zu dem Thema geben ließ.

Abgesehen von Forschern verfolgen nur die wenigsten wissenschaftliche Referenzen. John, ein Hausarzt, tat dies. Er suchte sich alle von Peat aufgelisteten Referenzen heraus und las sie. Jedes dieser Papiere hatte mindestens 50 weitere Referenzen. John fand auch diese und las sie ebenso.

Nachdem er monatelang all diese Schriften studiert hatte, tat John den Schritt, der sein (und unser) Leben dramatisch verändern sollte. Er begann, an Osteoporose leidenden Patientinnen eine Progesteroncreme zu verschreiben. Damit bewegte er sich völlig außerhalb aller medizinischen Praxis seiner Zeit. Aber er hatte sich nicht nur eingehendst mit dem Thema beschäftigt; die Resultate übertrafen sogar seine eigenen Hoffnungen.

John arbeitete auch danach noch viele Jahre als Hausarzt. Und er blieb immer ein außergewöhnlich liebenswürdiger und gewissenhafter Arzt, der weiterhin bei seinen bedürftigen Patienten Hausbesuche machte, auch wenn andere Ärzte schon lange verlangten, dass die Patienten in ihre Praxen kommen sollten.

Er wurde nie ein wissenschaftlicher Forscher und führte nie klinische Tests durch. Stattdessen beobachtete er seine Patientinnen genauestens, testete ihr Hormonniveau und ihre Knochendichte. Das Wichtigste aber war – er nahm sich die Zeit, mit ihnen zu sprechen. Dies war die traditionelle Ausführung von Medizin, mit der Ärzte wichtige medizinische Wahrheiten für ganze Generationen herausfanden (heutzutage leider kaum noch).

Und dies war auch seine größte Stärke. Ein Forscher hätte sich eine kleine Scheibe, einen Ausschnitt von Johns Beobachtungen abgeschnitten und diese jahrelang getestet. John dagegen trat gewissermaßen einen Schritt zurück und nahm das ganze Spektrum seiner Patientenreaktionen wahr – bis zu dem Punkt, dass er nicht nur einzelne Symptome, sondern ein ganzes Syndrom sah. Diesem gab er den Namen ’Östrogendominanz’.

Nur wenigen Ärzten ist es gegeben, ein Syndrom in der Humanmedizin zu identifizieren. John war dies gelungen und er widmete den Rest seines Lebens, die medizinische Welt und Frauen weltweit über seine Entdeckungen aufzuklären.

Dem ersten Buch – das vor 10 Jahren aus meiner Faxmaschine rollte und das John privat finanziert hatte – folgten viele weitere Bücher, die euch sicherlich bekannt sind. Nachdem er sich von seiner Arztpraxis zur Ruhe gesetzt hatte, tat er sich mit der wissenschaftlichen Autorin Virginia Hopkins zusammen. Folgende gemeinsame Bücher wurden von keinem geringeren als Warner verlegt:

  • What Your Doctor May Not Tell You about Menopause
  • What Your Doctor May Not Tell You about Pre-Menopause
  • What Your Doctor May Not Tell You about Breast Cancer

Diese Bücher wurden von Millionen von Frauen, Ärzten und Forschern gelesen.

Ihre Auswirkungen waren enorm. Es ist unmöglich zu bestimmen, wie viele Leben vielleicht von ihm gerettet wurden und wie vielen Frauen Brustkrebs erspart geblieben ist.

Und die Anzahl von Frauen, denen es möglich war, ein angenehmeres und produktiveres Leben in den menopausalen Jahren und danach zu leben, ist sicher noch weitaus höher.

Inzwischen haben medizinische Forscher das Thema auf beiden Seiten des Atlantiks aufgegriffen und die klinischen Untersuchungen, die Johns großartiger Arbeit folgen müssen, laufen. Sie werden noch viele Jahre durchgeführt werden, bis die praktischen Beobachtungen Johns vor vielen Jahren in San Francisco zur Standardmedizin überall auf der Welt gehören werden.

Trotz seines enormen Erfolges blieb John immer mit beiden Füßen auf dem Boden. Er und Virginia waren beide große Fans von Kreuzworträtseln. Er witzelte oft mit ihr: ’Weißt du wann ich weiß, dass ich wirklich berühmt bin – wenn ich als Antwort in einem Kreuzworträtsel zu finden bin’. Vor einigen Monaten rief er Virginia an: ’Du wirst es nie glauben, aber ich mache gerade das Kreuzworträtsel im San Francisco Chronicle und da bin ich einer der Lösungsantworten!’

Aber John war nicht allein an Hormonen interessiert. Er schrieb auch ein sehr viel breiter angelegtes Buch über Gesundheit mit dem Titel ’Optimal Health Guidelines’. Einige von euch haben vielleicht von ihm gehört, dass alle Männer in seiner Familie noch vor ihrem 60. Lebensjahr an einem Herzinfarkt gestorben sind.

John wusste also, dass seine Gene gegen ihn arbeiteten. Dies ließ ihn alles Wissen studieren, welches schließlich in seine Optimal Health Guidelines flossen. John war 74 Jahre alt, als er starb. Seinen Genen hatte er auf jeden Fall ein Schnippchen geschlagen.

Interessanterweise fragte sich John einige Tage vor seinem Tod in einem Telefongespräch mit Virginia, ob ihm vielleicht ein oder zwei extra Dekaden zugestanden worden waren, damit er seine Progesteronbotschaft an die Welt weitergeben konnte.

Bei seinem Tod hatte John seine Aufgabe erfüllt. Letztes Jahr hatte sich seine Einstellung zur herkömmlichen HRT (Hormone Replacement Therapy) endgültig bestätigt. Nun wissen wir, dass die HRT das Risiko sowohl für Brustkrebs wie für Herz-Kreislauf-Krankheiten erhöht.

Am Tag vor seinem Tod hatte John die Korrekturen zu einer überarbeiteten Auflage von ’What Your Doctor May Not Tell You about Menopause’ beendet.

Virginia berichtete mir, dass John nie wirklich zufrieden mit seinen Büchern war, und dass er immer gerne noch etwas verändert hätte. Bei Beendigung des Korrekurlesens dieses Buches aber sagte er zu ihr ’Das ist wirklich ein tolles Buch!’ Zu guter Letzt war er endlich zufrieden mit dem was er produziert hatte.

John lebte sein Leben in vollen Zügen – voller Genuss, bis zum letzten Tag. Am Abend vor seinem Tod hatten er und seine Frau Pat Freunde zum Essen eingeladen, u. a. David Zava, Experte für Speicheltests sowie einen weiteren engen Freund, einen Brustkrebsexperten. John ging es allem Anschein nach ausgezeichnet, er lachte und machte Witze, klopfte den anderen auf den Rücken und erzählte Geschichten, wie nur er es konnte. Jeder, der jemals mit ihm zusammen war und seinen Erzählungen zugehört hat, weiß was ich meine. Er starb um 3 Uhr morgens an einem Herzinfarkt.

Kurz vor seinem Tod hatten John und Virginia zusammen an einem weiteren Buch mit dem Titel ’Hormone Balance Made Simple’ gearbeitet. Virginia wird die Arbeit zuende führen, damit es veröffentlicht werden kann.

Virginia bietet auch einen kostenlosen email newsletter an, der uns über alle Entwicklungen, die aus Johns Arbeit resultieren, auf dem Laufenden hält. Interessierte können diesen unter www.johnleemd.com erhalten.

Ich möchte euch als letztes ein Bild davon geben, was John am meisten schätzte, wenn er sich gerade mal nicht mit seinen geliebten Hormonen beschäftigte. John und Pat lebten auf einer Farm in Sebastopol, Kalifornien. Sie besaßen ein wunderschönes weißes Farmhaus mit einer Terrasse rund ums Haus, mit Blick auf die Felder. John hielt Hühner – wenn man mit ihm telefonierte, konnte man immer den Hahn im Hintergrund krähen hören.

Vom Haus aus konnte man seine rote Scheune sehen, seine Pferde und einen riesigen, alten Zaun, voller Beeren - die von seinen Enkelkindern auf ihren Besuchen geplündert wurden. Am liebsten wurschtelte John auf seiner Farm herum, reparierte dies und kümmerte sich um das. Lassen wir ihn dort dankbar zurück - sich auf seiner Terrasse entspannend.

Danke, John.

Celia Wright