HRT – wie geht’s weiter?

 

 

John R Lee MD

Dies war John Lees letzter Artikel. Er wurde speziell für NPIS geschrieben.

Die kürzlich veröffentlichte Lancet-Publikation zur “Million Women Study“1 (MWS) beseitigt auch die letzten Zweifel daran, dass an der konventionellen HRT (Hormon Replacement Therapy, die Behandlung menopausaler Symptome mit künstlichen Östrogenen und Progestagenen [d. Übers.]) etwas falsch ist. Warum erhöhen Östrogenpräparate und schon kleine Mengen Progestagene (im Unterschied zu natürlichem Progesteron) das Risiko für Brustkrebs um mindestens 30%? Andere Studien ergaben, dass dieselben HRT-Hormone das Risiko für Herzkrankheiten und Blutgefäßgerinnsel (Schlaganfälle) 2-4 erhöhen – und zur Verhinderung von Alzheimer überhaupt nichts beitragen5,6. Während der Pubertät werden wir von Sexualhormonen ’überflutet’ -  aber wir werden nicht krank davon. Im Gegenteil, die Hormone führen dazu, dass wir zu gesunden Erwachsenen heranreifen. Die bei der HRT verwendeten Hormone verhalten sich anders – irgendwie falsch – denn sie töten Frauen.

Die Frage ist – wie geht es nun weiter? Meine Antwort: Erst einmal zurück zum Anfang und herausfinden, wo der Fehler liegt. Und da habe ich einige Ideen.

Im Laufe der Jahre habe ich drei grundsätzliche Regeln für die Hormon-Ersatztherapie entwickelt. Wenn diese Regeln befolgt werden, haben die Frauen ein geringeres Brustkrebs-, Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko. Das Risiko für Gewichtszunahme ist gering, genauso wie das für Schlaflosigkeit, Probleme des Kurzzeitgedächtnisses, fibrozystische Brüste, Stimmungsschwankungen oder Probleme mit der Libido. Und diese Regeln sind nicht kompliziert.

Regel Nr. 1: Hormone nur für diejenigen, die einen Mangel haben

Die erste Regel basiert auf gesundem Menschenverstand. Wir geben ja auch niemandem Insulin, wenn wir keinen Beweis haben, dass er es benötigt. Dasselbe gilt für Schilddrüsen-, Kortison- und alle anderen Hormone. Trotzdem verschreiben Schulmediziner routinemäßig Östrogene und andere Sexualhormone – ohne jemals vorher auf Hormonmangel getestet zu haben. Die konventionelle Medizin geht davon aus, dass jede Frau nach der Menopause einen Östrogenmangel hat. Diese Annahme ist falsch. Vor 25 Jahren habe ich die Literatur über das Hormonniveau vor und nach der Menopause durchforscht – und alle Autoritäten stimmten überein, dass mehr als zwei drittel (66%) der bis zu 80-jährigen Frauen ausreichend Östrogen produzieren. Und seitdem sind die Beweise hierfür nur größer geworden7. Sogar wenn die Eierstöcke entfernt wurden, produzieren Frauen Östrogen, und zwar vorrangig durch ein Aromataseenzym im Körperfett und in den Brüsten, welches ein adrenerges Hormon, Androstenedion, in Östron umwandelt. Es ist sogar so, dass Frauen mit viel Körperfett in der Lage sind, nach der Menopause mehr Östrogene herzustellen als dünne Frauen vor der Menopause. Brustkrebsspezialisten sind dermaßen besorgt über die Östrogenproduktion von Frauen nach der Menopause, dass sie inzwischen Medikamente zur Blockierung des Aromataseenzyms geben. Vergegenwärtigen Sie sich diese Ironie: Einige Schulmediziner verschreiben Östrogene zur Behandlung eines angenommenen Hormondefizits bei postmenopausalen Frauen, während ihre Kollegen Medikamente zur Verhinderung der Östrogenproduktion bei postmenopausalen Frauen geben.

Wie kann man herausfinden, dass ein Östrogenmangel vorliegt? Eine Frau, die immernoch regelmäßig menstruiert besitzt jede Menge Östrogen. Trockenheit der Vagina und Atrophie des Vaginalschleimhäute dagegen sind klare Anzeichen für einen Östrogenmangel. Wenn diese Zeichen nicht vorliegen, ist ein Speicheltest der beste Nachweis. Durch neue und bessere Technologien ist der Speicheltest heute akkurater und sicherer. Erwartungsgemäß hat es sich gezeigt, dass die Hormonlevel für jedes Individuum unterschiedlich sind - d. h. was beim einen normal ist, ist es nicht notwendigerweise beim anderen. Weiterhin muss man davon ausgehen, dass Hormone in einem komplexen Netzwerk anderer Hormone und metabolischer Mediatoren aktiv sind – so wie die verschiedenen Musiker in einem Orchester. Zur Interpretation eines Hormonniveaus kann daher nicht nur das absolute Niveau berücksichtigt werden. Es muss auch das relative Verhältnis zu den anderen Hormonen, inklusive nicht nur Östradiol, Progesteron und Testosteron, sondern auch Kortison und Schilddrüsenhormone, mit in Betracht gezogen werden.

So zeigt z. B. der Speicheltest bei gesunden Frauen ohne Brustkrebs normalerweise einen 200-300 mal höheren Progesteron- als Östradiollevel. Bei Frauen mit Brustkrebs liegt das Progesteron-/Östradiol-Verhältnis beträchtlich unter 200 zu 1. Ich denke, dass je mehr die Labore mit Hormon-Speicheluntersuchungen vertraut sind, desto stärker werden diese unterschiedlichen Verhältnisse zur Überwachung von Hormongaben herangezogen werden können.

Serum- oder Plasma-Bluttests sollten nicht mehr verwendet werden. Die Resultate dieser Tests sind nicht aussagekräftig7. Steroidhormone (Sexualhormone) sind extrem lipophil (fettliebend) und im Serum nicht löslich. Diese Hormone tragen ihre Botschaften zu den Zellen, indem sie in den Kapillaren den Blutstrom verlassen und in die Zellen eindringen. Hier docken sie an bestimmten Hormonrezeptoren an und geben ihre Botschaft an die Zellen weiter. Aus diesem Grund werden diese Hormone auch ’freie’ Hormone genannt. Schließlich in der Leber angelangt, werden sie eiweißgebunden (angebunden an bestimmte Globuline oder Albumin). Dies beeinträchtigt dann nicht nur beträchtlich ihre Bioverfügbarkeit, sondern macht sie auch wasserlöslich, so dass die Hormone mit dem Urin ausgeschieden werden können. Eine Messung dieser nicht bioverfügbaren Formen im Urin oder Serum ist daher nicht relevant, denn sie gibt keinen Aufschluss über die Konzentration der klinisch wichtigeren ’freien’ - also für den Körper verfügbaren - Hormone im Blutstrom.

Bei seinem Weg durch die Speicheldrüsen löst sich das ’freie’, nicht protein-gebundene Steroidhormon problemlos aus den Blutkapillaren in die Speicheldrüse und schließlich auch im Speichel. Eiweißgebundene, nicht biologisch verfügbare Hormone gehen nicht durch oder in die Speicheldrüsen. Darum ist der Speicheltest für die Bestimmung des für den Körper verfügbaren Hormonniveaus weitaus besser.

Serumtests eignen sich zur Bestimmung von Glukose und Proteinen, aber nicht zur Messung ’freier’ Steroidhormone. Fünfzig Jahre Bluttests haben zu der großen Verwirrung geführt, auf der die Hormongaben der konventionellen Medizin heute basieren.

Regel Nr. 2: Ziehen Sie die bio-identischen Hormone den synthetischen vor

Die zweite Regel basiert ebenfalls auf gesundem Menschenverstand. Damit die in den Steroidhormonen liegende Information die Gewebezellen erreichen kann, müssen sich die Hormone mit spezifischen, einzigartigen Zellrezeptoren verbinden. Die Verbindung eines Hormons mit seinem Rezeptor wird durch seine molekulare Konfiguration festgelegt – genauso wie zu jedem Schloss ein bestimmter Schlüssel gehört. Synthetische Hormonmoleküle unterscheiden sich in ihrer molekularen Gestalt von endogenen (körpereigenen) Hormonen. Aus den Studien über petrochemische Xeno-Hormone haben wir gelernt, dass sich synthetische Ersatzhormone in ihrer Aktivität auf der Rezeptorenebene unterscheiden. In einigen Fällen aktivieren sie den Rezeptor ähnlich wie ein natürliches Hormon, aber in anderen Fällen bewirkt das synthetische Hormon gar nichts oder es blockiert den Rezeptor sogar völlig. Auf jeden Fall bietet keines der synthetischen Hormone dieselbe übergreifende physiologische Aktivität wie das natürliche Hormon, das es ersetzen soll. Daher besitzen alle synthetischen Hormone unerwünschte Nebenwirkungen, die bei einem menschlichen Hormon nicht auftreten. So ist z. B. menschliches Insulin dem aus Schweinen hergestelltem Insulin vorzuziehen. Mit menschlichen (bio-identischen) Hormonen identische Sexualhormone sind seit über 50 Jahren erhältlich.

Allerdings bevorzugen die Pharmakonzerne synthetische Hormone. Synthetische (nicht in der Natur vorkommende) Hormone können patentiert werden, während dies bei echten (natürlichen, bio-identischen) Hormonen nicht möglich ist. Patentierte Medikamente sind profitabler als nicht-patentierte. Und der Verkauf von verschriebenen Sexualhormonen bringt den pharmazeutischen Firmen mehr Geld ein als jedes andere verschreibungspflichtige Medikament. Die Gesundheit der Frauen wird dem kommerziellen Profit geopfert.

Regel Nr. 3: Verwenden Sie nur Dosierungen, die einem normalen, physiologischem Gewebeniveau entsprechen.

Die dritte Regel ist ein bisschen komplizierter. Ich denke, dass jeder mit mir übereinstimmt, dass die eingenommenen Hormone einen normalen physiologischen Level wiederherstellen sollten. Die Frage aber ist – wie kann ein normaler physiologischer Level bestimmt werden? Hormone funktionieren nicht so, dass sie einfach im Blut herumschwimmen. Sie ’schlüpfen’ aus den Blutgefäßen und dringen in die Zellen mit den passenden Rezeptoren ein. Proteingebundene Hormone (welche an die Hormonrezeptoren im Blut gebunden sind) können die Blutgefäße nicht verlassen und sich mit intrazellulären Rezeptoren verbinden. Sie sind nicht biologisch verfügbar. Daher hilft ein Bluttest zur Bestimmung freier, bio-verfügbarer Hormonformen nichts. Die Antwort ist auch hier der Speicheltest.

Es ist relativ einfach, das Östradiol-, Progesteron- oder Testosteronniveau bei gesunden Menschen zu bestimmen und mit z. B. an Brustkrebs erkrankten Frauen zu vergleichen. So kann der Speicheltest auch problemlos dazu verwendet werden, die Veränderung des Hormonniveaus im Speichel während einer Hormontherapie zu messen. Wenn mehr Ärzte dies täten, würden sie herausfinden, dass ihre herkömmlich verabreichten Östrogengaben 8 bis 10 mal größer als die normaler gesunder Menschen sind, bzw. dass sich das Progesteronniveau durch die Verabreichung synthetischer Progestagene, wie z. B. Medroxprogesteron-Acetat (MPA), nicht erhöht.

Weiterhin demonstriert der Progesteron-Speicheltest (nicht der Blutserumtest), dass transdermale Cremes ausgezeichnet absorbiert werden können. Transdermales Progesteron geht 100%ig bioverfügbar in den Blutstrom über (d. h. es ist nicht proteingebunden). Das erhöhte Progesteronniveau kann deutlich im Speicheltest erkannt werden, während der Bluttest keinen oder nur einen sehr kleinen Unterschied feststellen würde8. Es ist sogar so, dass eine erkennbare Erhöhung des Progesteronniveaus im Blut meistens ein Zeichen für eine starke Progesteronüberdosierung ist. Dagegen helfen die Speicheltests zur Bestimmung der optimalen Dosierung des Steroidhormons – etwas das der Serumtest nicht kann.

Bitte beachten Sie, dass die konventionelle HRT gegen alle drei aufgeführten Regeln für einen vernünftigen Einsatz von Steroidhormonen verstößt.

Eine 10-jährige französische Studie zur Anwendung eines niedrigdosierten Östradiolpflasters in Kombination mit oral eingenommenen Progesteron zeigte keinerlei erhöhtes Risiko für Brustkrebs, Schlaganfälle oder Herzinfarkte9. Die Hormonersatztherapie ist lobenswert - aber sie muss korrekt durchgeführt werden. Eine HRT mit dem Ziel, Hormonmangel auszugleichen und das richtige, physiologische Gewebeniveau wiederherzustellen, kann sicherlich als die vernünftigere, erfolgreichere und sicherere Methode bezeichnet werden.

Andere Faktoren

Hormoninbalancen sind nicht die einzigen Gründe für Brustkrebs, Schlaganfälle und Herzinfarkte. Zu den anderen wichtigen Risikofaktoren zählen:

-     schlechte Ernährung (zu viel Zucker und raffinierte Stärke, Trans-Fett-Säuren, Vitamin- und Mineralstoffmangel wie z. B. Mangel an Omega 3-Fetten, essenziellen Aminosäuren, Vitaminen, Mineralien etc.)

-    Umweltbelastende (toxische) Xeno-Östrogene und Hormone, die in Kläranlagen nicht herausgefiltert werden.

-    Insulinresistenz

-    Stress

-    Problematische Lebensführung wie z. B. übermäßig viel Licht in der Nacht (schlechter Schlaf, Melatoninmangel), Alkohol, Kadmium (Zigaretten), orale Kontrazeptiva in den frühen Teenagerjahren

Männer sind von diesen Risikofaktoren genauso betroffen wie Frauen. Hormonungleichgewichte und die o. g. Risikofaktoren können bei Männern zu Herzinfarkten, niedriger Spermienzahl und einem erhöhten Risiko für Prostatakrebs führen.

Zusammenfassung

Die aus Östron oder Östradiol bestehende konventionelle Hormonersatztherapie (HRT) – egal ob mit oder ohne Progestagene (außer Progesteron) – beinhaltet ein unakzeptables Risiko für Brustkrebs, Herzinfarkte und Schlaganfälle. Viel vernünftiger ist eine HRT unter Verwendung bio-identischer Hormone in Dosierungen, die auf den wirklichen, durch Speicheltest bestimmten, Bedürfnissen basieren. Zusätzlich zu einer angemessenen Hormonbalance wurden andere Risikofaktoren beschrieben – sie alle können potenziell korrigiert werden. Die Kombination einer Hormonbalance-Therapie und der Korrektur anderer Umwelt- und Lebensführungsfaktoren ist unsere beste Hoffnung für die Verringerung der heute bestehenden Risiken für Brustkrebs, Schlaganfälle und Herzinfarkte.

Sie finden eine umfassendere Diskussion aller dieser Faktoren in meinem Buch What Your Doctor May Not Tell You About Breast Cancer10.

John R Lee

Referenzen:

1Million Women Study Collaborators.  Breast cancer and hormone-replacement therapy in the Million Women Study.  Lancet 2003; 362: 419-27. Bei der Million Women Study handelt es sich um eine Studie des englischen National Health Service und der Cancer Research UK. An der Studie nahmen über 1 Millionen britische Frauen ab 50 Jahre teil. Die Studie untersucht die Auswirkungen von HRT, beschäftigt sich aber auch mit anderen weiblichen Gesundheitsthemen. [d. übers.]

2Scarabin, P-Y, Oger E, Plu-Bureau G.  Differential association of oral and transdermal ooestrogen-replacement therapy with venous thromboembolism risk.  Lancet 2003; 362: 428-32.

3Chen C-L, Weiss NS, Newcomb P, Barlow W, White E.  Hormone replacement therapy in relation to breast cancer.  JAMA 2002; 287: 734-41.

4 Writing Group for the WHI Investigators.  Risks and Benefits of oestrogen plus progestin in healthy postmenopausal women.  JAMA 2002; 288: 321-33.

5Yaffe K, Lui-Y, Grady D, Cauley J, et al.  Cognitive decline in women in relation to non-protein-bound oestradiol concentrations.  Lancet 2000; 708-12.

6Mulnard RA, Cotman CW, Kawas C, van Dyck CH, et al.  Oestrogen replacement therapy for treatment of mild to moderate Alzheimer diseases.  JAMA 2000; 283: 1007-15.

7Cummings SR, Browner WS, Bauer D, Stone K, et al.  Endogenous hormones and the risk of hip and vertebral fracture among women.  NEJM 1998; 339: 733-38. 

8Waddell BJ, O’Leary PC.  Distribution and metabolism of topically applied progesterone in a rat model.  J Steroid Biochemistry & Molecular Biology 2000; 80: 449-55.

9de Lignieres B, de Vathaire F, Fournier S, Urbinelli R, et al.  Combined hormone replacement therapy and risk of breast cancer in a French cohort study of 3175 women.  Climacteric 2002; 5: 332-40. 

10What Your Doctor May Not Tell You About Breast Cancer, by John R. Lee, MD, David Zava, PhD, and Virginia Hopkins, MA.  Published by Warner Books 2002, New York, NY.  Auch veröffentlicht in England von Thorsons, London.